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Tihange – eine Gefahr für die Siebengebirgsregion?

Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Ja!

Tihange ist ein Atomkraftwerk, das in Belgien, ca. 130 km Luftlinie von Bonn entfernt, Strom erzeugt. Die Anlage besteht aus drei Reaktoren, die nach und nach errichtet wurden. Der Reaktor, der auch die hiesige Region gefährdet, wurde in den 70er Jahren gebaut.

2012 wurde bekannt, dass der Reaktormantel im Reaktor 2 Risse aufweist, deren Ursachen entweder bereits beim Bau des Mantels oder im Betrieb des Reaktors auftraten. Fest steht jedoch, dass sich die Risse zwischen 2012 und 2014 vermehrt haben. Waren es 2012 erst 1.931 Risse im äußeren Mantel und 80 im inneren Mantel, stieg die Zahl bis 2014 auf 3.064 Risse im äußeren und 85 Risse im inneren Mantel.

Dies führte - nach WDR-Recherche - dazu, dass das Kühlwasser des Reaktors auf mindestens 45°C vorgeheizt werden muss, da man bei kühlerem Wasser befürchten muss, dass weitere Risse entstehen bzw. vorhandene weiter aufplatzen. Es kommen also nicht nur neue Risse hinzu, sondern die vorhandenen Risse vergrößern sich.  

Auch beim EU-weiten Stresstest für Atomreaktoren fallen die Reaktoren in Tihange negativ auf. Beide Reaktoren sind bei einem eventuellen Flugzeugabsturz nicht sicher und der Reaktor Tihange 2 hat keinen ausreichenden Hochwasser- und Erdbebenschutz. Und auch bei diesen Reaktor gibt es Betonkorrosion an der äußeren Schutzhülle.

Neben den Rissen kommt es aber auch immer wieder zu Störfällen in der Steuerung der Anlage.

Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht wieder eine Störung bekannt wurde, die zum Herunterfahren des Reaktors führte. Eine komplette Auflistung der Störfälle ist der Studie von Ilse Tweer zu entnehmen (siehe Link weiter unten).

Aber: Trotz dieser ständigen Störfälle hat die belgische Atomaufsichtsbehörde  FANC bisher noch kein „Aus“ für den Reaktor angeordnet.

Dies mag in der Person Jens Bens, des Leiters dieser Behörde begründet sein.
Viele Kritiker werfen ihm vor, nicht unabhängig zu sein, stand er doch fast sein ganzes Berufsleben im Dienste der Atomindustrie, bis 2007 sogar im Dienste von Electrabel, des Betreibers von Tihange. Ab 2004 war er auch Leiter der Atomanlage im belgischem Doel, auch für Electrabel.

2007 wechselte er zur World Association of Nuclear Operators (WANO), der Dachorganisation der Betreiber von Nuklearanlagen. Und seit 2013 ist er Leiter der FANC. Sein Argument für den Weiterbetrieb: Die Risse bestehen seit dem Bau der Anlagen.

Diese Behauptung wurde nicht eindeutig geklärt, ebenso wenig wie die Frage,  wie sich z.B. die Risse im Betrieb verhalten. Wie beeinflussen sie die Widerstandfähigkeit des Druckbehälters, vor allem im Ernstfall? Um hier eine genaue Aussage treffen zu können, müsste der Reaktormantel aufgeschnitten und das Material genau geprüft werden. Da dies technisch nicht durchführbar ist, muss der Reaktor sofort still gelegt werden, so der Sprecher des Bündnisses gegen Tihange, Jörg Schellenberg.

Zu diesem Themenbereich ließen die GRÜNEN im Europaparlament von der Materialwissenschaftlerin Ilse Tweer eine Studie erstellen, die im März 2016 diesem Parlament vorgestellt wurde. Das Ergebnis der Studie: Die Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 hätten auf Grund von Baumängeln niemals in Betrieb gehen dürfen, und der Weiterbetrieb ist unverantwortlich. Die Wissenschaftlerin gibt zu bedenken, dass es keinen repräsentativen Materialtest gibt, wie ihn das FANC von der Betreiberfirma Electrabel gefordert hat.  Die Tests wurden mit einem Stahl durchgeführt, der nicht mit dem im Reaktormantel verarbeiteten Stahl vergleichbar ist. (Die Studie ist einsehbar unter: http://www.greens-efa.eu/fileadmin/dam/Documents/Studies/Report_Flawed_Reactor_Pressure_Vessels_Doel-3_and_Tihange-2.pdf  )

Hier ein kurzer Exkurs zu der Atomanlage Doel:
Doel liegt in der Nähe von Rotterdam und damit ca. 220 km Luftlinie von der hiesigen Region entfernt. Die Anlage besteht aus 4 Reaktoren. Der Reaktor 3 wurde von der gleichen Baufirma errichtet wie der Reaktor 2 in Tihange. Die Baufirma hat zwischenzeitlich Konkurs angemeldet.  
Auch dieser Reaktor zeichnet sich immer wieder durch Störfälle und Risse im Reaktormantel aus. 2012 wurden 857 Risse im äußeren und 7.205 im inneren Mantel gezählt. 2014 waren es schon 1.440 Risse im äußeren und 13.047 im inneren Mantel.

Die Unabhängigkeit der FANC wurde nicht nur wegen der früheren Arbeitsverhältnisse ihres Leiters Jens Bens angezweifelt, sondern auch wegen der politischen Einflussnahme auf diese Behörde. Dies ergibt sich aus einer Untersuchung der Unternehmensprüfer von Whyte Corporate Affairs im Auftrag des Verwaltungsrates der FANC. Deren Schlussfolgerung, die sie in diesem Sommer veröffentlichten, lautet: mangelnde Führungsqualitäten der Direktion, interne Kommunikationsprobleme, fehlende Unabhängigkeit.
(aus: Dossier Tihange, Veröffentlichung des Medienhauses Aachen, November 2016)

Das belgische Parlament hat den Ausstieg aus der Atomenergie zwar längst beschlossen, schiebt aber diesen Ausstieg und die damit verbundenen Endlaufzeiten immer wieder vor sich her. Die Ursache liegt sicher darin, dass Belgien 51,6% seines Stroms aus Atomreaktoren bezieht und nur 8,0% aus alternativer Stromgewinnung. Deshalb fürchtet man in Belgien beim Abschalten einzelner Reaktoren einen „Blackout“. Daher auch die politische Einflussnahme auf die FANC. Immerhin sollen bis 2019/2020 Stromtrassen nach Deutschland gelegt sein, um einen möglichen Blackout zu verhindern.

Insgesamt ergibt sich aus dem Weiterbetrieb der Anlagen ein erhebliches Gefahrenpotenzial, vor dem auch Atomwissenschaftler immer wieder warnen. Insbesondere die Risse in den Reaktorhüllen geben größten Anlass zur Sorge. Sind die Reaktorhüllen den hohen Temperaturen und Drücken noch gewachsen und halten sie dem Neutronenbeschuss, der bei einer Kernspaltung entsteht, Stand? Die Gefahr: Leckschäden könnten entstehen und im schlimmsten Fall platzen die Druckbehälter.

Aufgrund dieser Befürchtungen haben sich die regionalen Verwaltungen um Tihange, sowohl auf belgischer als auch auf deutscher Seite, zusammengetan, um eine Klage gegen den weiteren Betrieb zu führen. Die deutsche Umweltministerin und auch die Landesregierung NRW haben vergeblich versucht, auf die belgische Regierung einzuwirken und eine Abschaltung der Reaktoren zu erreichen. Diese Bemühungen werden nun durch eine Studie der Universität Wien unterstützt, in der das Streuungsverhalten des radioaktiven Austritts bei einem Reaktormantelschaden in Tihange erforscht wurde. Diese Studie, die die Wetterverhältnisse der letzten zehn Jahre zur Basis ihrer Aussagen macht, kommt zu dem Ergebnis, dass im schlimmsten Fall der Großraum Aachen völlig unbewohnbar wird, und die Bevölkerung der hiesigen Region evakuiert werden muss. (Die letzte großflächige Evakuierung geschah während und nach dem 2. Weltkrieg von Osten nach Westen, nun könnte es von Westen nach Osten gehen.)

Genaue Vorhersagen sind kaum möglich, da sie immer von den Windverhältnissen abhängen. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass bei einer möglichen Katastrophe in Tihange der „Fallout“ unsere Region so schnell erreicht, dass die von der Landesregierung geplante Verteilung von Jodtabletten nicht zu schaffen ist.

Einer Gruppe sehr aktiver Menschen im Aachener Raum ist es zu verdanken, dass immer neue Details über die Atommeiler bekannt werden und dadurch der Protest in der Region wächst. Durch Aktionen und Aufklärungsarbeit haben sie es geschafft, immer mehr Menschen zum Widerstand zu bewegen. So wurde sogar ein Fußballspiel der Alemannia Aachen gegen den 1. FC Köln zur Solidaritätsveranstaltung. Wer die Initiativen unterstützen möchte oder mehr erfahren will, kann das unter: https://www.stop-tihange.org/de/